Thursday, 28. january 2010 4 28 /01 /Jan. /2010 18:55

Häufig erlebe ich in meiner Osteopathie-Praxis bei meiner Arbeit mit Säuglingen, dass deren Eltern frustriert, müde, ausgelaugt, wütend oder ängstlich sind. Und im gleichen Moment erlebe ich, dass die Eltern versuchen, diese Gefühle und Zustände vor den Kindern zu verbergen. Die Eltern haben Angst, das Kind mit diesen Gefühlen zu überfordern. Manche Gefühle wie z.B. die Wut gelten auch als schlecht. Wut steht einer Mutter gegenüber dem eigenen Kind, zumindest im ersten Lebensjahr, nicht zu – so die Meinung in unserer Gesellschaft.

Beispielsweise berichtete mir eine Mutter, dass sie, nach Stunden des scheinbar grundlosen Schreiens ihres zwei Monate alten Sohnes diesen hochfrustriert und verzweifelt in sein Bettchen legte mit den Worten: „Ich kann grad nicht mehr. Ich bin total verwirrt und auch entnervt von Deinem Geschrei. Ich gehe jetzt für 3 Minuten aus dem Raum und hole mir ein Glas Wasser.“. Meiner Meinung nach eine tolle Idee, denn das Kind bekommt die Situation und die Gefühle der Mutter erklärt und die Mutter kann zumindest kurz Luft holen und Abstand zur festgefahrenen Situation. Allerdings war die anwesende Schwiegermutter nicht dieser Meinung und bezeichnet seit dieser Zeit ihre Schwiegertochter als “Rabenmutter“.

 

Ich denke, dass der Versuch, Gefühle vor unseren Kindern zu verbergen, von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist. Und ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Ich denke, dass der Versuch, meine Gefühle mein Kind nicht mitkriegen zu lassen, zu weit reichenden, problematischen Konsequenzen führt.

 

Was mich zu dieser Annahme bewegt, möchte ich hier beschreiben. Beispielsweise nimmt ein 3-Wochen-altes Kind, sagen wir mal, es hieße Carlotta, seine Umwelt ungefähr so wahr:

 

Carlotta begriff nicht so ganz: Vor ihr schweben ab und an zwei gesichtstragende Luftballone, die ihr wohl vertraut, aber auch etwas unwirklich vorkommen. Neben ihr liegen zwei lange, schlaksige Teile, an deren Enden Zotteln hängen. Ab und zu durchqueren diese Dinger ihr Gesichtsfeld. Auch hier wieder diese seltsame Surrealität, gemischt mit dem Eindruck der Vertrautheit. Und an ihrem unteren Ende nimmt sie irgendwelche zuckenden, strampelnden Dinge wahr, deren Sinn ihr nicht klar ist. Wie im Nebel und doch ganz unverkennbar, besteht ihr Sein lediglich aus der Wahrnehmung von wohlig oder unwohl.

Bei den Luftballonen, die Carlotta beschreibt, handelt es ich um die Gesichter ihrer Eltern und bei den anderen Phänomenen um ihren eigenen Körper.

 

Wenn ein Kind auf die Welt kommt, hat es tatsächlich keinerlei Bewusstsein, dass seine Arme und Beine zu ihm gehören. Es begreift nicht, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Nahrungsaufnahme und dem anschließenden Gefühl im Bauch, egal ob es sich um das Ziehen einer Kolik oder das gute Gefühl von satt handelt.

 

Experiment I: Eine Patientin hat mir heute eine fantastische Möglichkeit aufgezeigt, wie sie ihren Kindern deren körperliche Begrenzung bewusster macht: Sie legt sich das Baby auf ihren Bauch, die kleinen Strampelbeine sind unter dem Bauch des Kindes angewinkelt und stützen sich gegen die aufgestellten Beine der Mutter. Oben schlingt sie die Arme um ihr Kind und streichelt es. Und dann erzählt sie ihm in sanfter Stimme, welche Körperregion gerade berührt wird. Sie sagt zum Beispiel: „Das ist Dein Köpfchen.“, oder „Hier, das sind Deine kleinen Füße, hier hört Dein Körper auf.“ Ich finde diese Art der Intimität wunderschön und ich glaube, dass es für beide eine tolle Erfahrung ist. Auch die Mutter, oder der Vater, machen sich so bewusst, welch Wunderwerk dort auf ihrem Bauch liegt und woraus dieser Körper besteht. Experiment I Ende.

 

Doch so wenig Vorstellung ein Baby von den Dimensionen seines physischen Körpers hat, so viel Empfindsamkeit dürfte es für die Stimmung, welche um es herum herrscht, haben. Wie Radarschüsseln nehmen diese kleinen Menschen die Gefühle, Emotionen und Zustände um sie herum wahr. Seit Beginn dieses diffusen Bewusstseins, jemand “zu sein“, erleben Ungeborene jede Regung ihrer Mutter 1:1 mit. Ihre Angst, wenn ein Untersuchungsergebnis besorgniserregend ist, ihre Freude, wenn sie einen schönen Moment mit ihrem Partner hat oder ihre Wut, wenn eben dieser mal wieder zu spät nach Hause kommt. Direkter kann man die Gefühle eines anderen Menschen wohl nie mehr erleben. Und noch hat dieses Baby keine Idee davon, dass das eine Wut und das andere Freude heißt. Sondern es erlebt all das als die normalen Gezeiten des Seins der Mutter. Hochs und Tiefs, mal intensiver mal weniger intensiv.

Ich denke, spätestens mit der Geburt hat das kleine Wesen dann auch eigene Gefühle. Und auch diese sind einfach da. Nicht kommentiert von außen, einfach nur da.

 

Wenn nun die Eltern dieses neugeborenen Wesens plötzlich damit beginnen, ihre Gefühle nicht mehr vor dem Kind auszudrücken, fehlt ein Bestandteil, der bis zur Geburt den Alltag des Kindes prägte. Ist die Mutter übermüdet und sehr frustriert, weil das Kind nun schon drei Stunden schreit und auch zum dritten Mal den Strampler bis zur Halskrause voll hat, sie noch nichts gegessen hat, geschweige denn die Möglichkeit hatte zu duschen, dann fühlt sie sich einfach nicht gut. Sie ist vielleicht wütend auf den schreienden Wurm vor ihr oder sie fühlt Angst, dass sie das alles nicht schaffen wird. Doch statt diese Gefühle zu haben und sie zu benennen, wird sie das Kind schaukeln und summen und es ablenken und Spiele spielen. Sie wird die Windel nochmals wechseln und das Bäuchlein massieren. Sie hüpft vielleicht auf einem Pezziball auf und ab oder wippt den Stubenwagen hin und her. Und während sie das alles tut, wird sie ihrem Kind vorspielen, dass sie prima Laune hat oder wirklich Mitleid mit dem Schreihals.

 

Das Kind erhält in dem Moment mindestens zwei Informationen. Erstens die “wahre“ Information, über sein feines Gespür und die Antennen für das, was ist. Und die “gespielte“ Information der Mutter, bezüglich dessen, was angeblich sein soll.

 

Das Kind ist verwirrt. Was stimmt denn nun? Das was Mama verzweifelt versucht auszudrücken und zu schauspielern oder das, was Mama ausstrahlt mit jeder Pore? Wenn das Kind älter ist wird diese Verwirrung gefestigt, indem die Eltern dem Kind in dem Moment, wo es beginnt die eigenen Gefühle zu artikulieren, zusätzlich noch vermitteln, dass es besser wäre, das nicht zu tun.

Sätze wie: „Du brauchst doch nicht weinen, so schlimm ist es doch nicht.“ (Missachtung der Trauer, die das Kind empfindet), oder: „Wenn Du nicht gleich brav bist, gehen wir nicht auf den Spielplatz / gibt es kein Eis / gehen wir nach Hause!“ (Missachtung der Wut, die das Kind hat), kennen wir wohl alle.

Sie führen dazu, dass ein Kind lernt, dass es in unserer Gesellschaft besser ist, Gefühle nicht zu zeigen. Das “Problem“ ist nur: Es hat Gefühle.

 

Beziehungsweise, um es aus meiner Sicht ganz klar auszudrücken:

Das Problem ist nicht, dass ein Kind ein Gefühl hat, sondern das Problem ist, dass das Kind es nicht haben soll.

 

Experiment II:

Wenn Ihr Kind eine Gefühlsäußerung tätigt, versuchen Sie selber zu spüren, welches Gefühl Ihr Kind gerade hat. Ist es wütend oder traurig? Oder fühlt es Angst und ist gleichzeitig sauer. Es hilft ungemein sich bei dieser Übung sich einfach auf seinen Bauch zu verlassen. Versuchen Sie nicht rational nachzuvollziehen, dass das Zerbrechen des Spielzeuges bei Ihrem Kind nicht unbedingt Traurigkeit auslöst sondern blanke Wut. Spüren Sie einfach, was es fühlt. Und dann sagen Sie Ihrem Kind: „Das was Du gerade fühlst ist Wut (Angst, Trauer, Freude). Und es ist o.k. das zu fühlen.“ Und dann seien Sie einfach bei Ihrem Kind. Warten Sie ab, was passiert. Vielleicht kommt das Kind und will getröstet werden. Vielleicht will es aber auch der Wut mit Schreien Ausdruck geben. Seien Sie da für das Kind und werten Sie nicht. Lassen Sie sich beiden die Zeit die es braucht. Was Sie tun, ist, Sie geben Ihrem Kind genau die gleiche intime Aufmerksamkeit wie im Experiment I. Nur dass Sie nicht Bezug auf den physischen Körper nehmen, sondern auf den Körper der Gefühle.

Experiment II Ende

 

Mit diesem Experiment betreten Sie Neuland! Lassen Sie sich nicht davon verunsichern, dass es sich komisch anfühlen mag. Forscher im 14. Jahrhundert fühlten sich bestimmt nicht pudelwohl wenn Sie über unbekannte Berge kletterten oder in fremden Gewässern segelten. Im Gegenteil: Wenn es sich komisch anfühlt, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass Sie in diesem Moment eine fast unverschämt weite Horizonterweiterung durchführen.

 

Experiment III:

Experiment I und II beschäftigen sich mit Ihrem Kind. Nummer drei beschäftigt sich mit Ihnen. Wie in Experiment II spüren Sie die Gefühle die im Raum sind. Nur dass Sie dieses Mal nicht die Gefühle Ihres Kindes wahrnehmen, sondern Ihre eigenen. Nehmen Sie Ihre Hilflosigkeit war, Ihr Gefühl des „wie soll ich das alles schaffen?“, oder auch Ihre Wut. Werten Sie nicht, was sie fühlen sondern sagen sie es einfach. Sagen Sie: „Ich fühle mich total entnervt weil...“ Oder: „Ich fühle mich so hilflos, weil...“. Und sagen sie das nicht nur Ihrem Partner sondern auch und genau Ihrem Kind. Erwarten Sie nicht, dass Ihr Kind die Situation lösen wird. Darum geht es nicht. Es geht darum authentisch zu kommunizieren, was los ist. Vergleichbar wäre, wenn Sie sagen würden: „Mein Fuß tut weh, weil ich barfuß auf einen Legostein getreten bin.“ Niemand käme auf die Idee zu sagen: „Ich hüpfe herum, weil ich so fröhlich bin und so gerne Dein Lachen höre.“.

Experiment III Ende

 

Hier ist auch der Bezug zu der oben geschilderten Situation mit der “Rabenmutter“. Aus meiner Sicht, hat sie Experiment III ausgeführt. Was ich für sehr wertvoll halte. Sie war die Forscherin die Neuland betrat. Und die Schwiegermutter verkörpert in diesem Moment eher die Konservativen, die vom Forschertum erschreckt sind und “lieber alles so lassen würden, wie es immer war.“

 

Wenn Ihnen dieser Blog Anregungen geliefert hat die Sie gerne teilen möchten, haben Sie die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen. Auch über persönliche Emails mit Feedback freue ich mich sehr.

 

Alles Gute!

Stefanie Heidtmann

 

von Stefanie Heidtmann - Community: Possibility Management
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Thursday, 28. january 2010 4 28 /01 /Jan. /2010 18:39

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von Stefanie Heidtmann
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